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VERA - Protokoll einer Vernichtung

Prolog

 

28. Juli - Haus Bergengrün, Köln

 

Es war ein wunderschöner Sommertag mit der für den Sommer so typischen Geräuschkulisse. Die Vögel zwitscherten laut in den großen Bäumen, am Himmel war das leise Motorengeräusch eines Kleinflugzeuges zu hören, der Himmel strahlte postkartenblau. Kein Wölkchen war zu sehen. Das perfekte Sommerwetter für einen ausgedehnten Spaziergang, für einen Cappuccino im Straßencafé oder für ein gutes Buch auf einer bequemen Parkbank.

 

Die alte Dame saß regungslos in ihrem Rollstuhl und schien hinaus auf den kleinen See zu schauen. Sie verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in diesem Pflegeheim, zu dem auch der schöne und weitläufige Garten gehörte. Sanft spielte der Wind mit den Blättern der großen Kastanienbäume, deren Schatten für angenehme Kühle sorgte. Die üppig blühenden gelben Rosen verströmten verschwenderisch ihren Duft.

 

"Ob sie das hier noch wahrnimmt? Ob sie überhaupt noch irgend etwas spürt? Die Sonne, den blauen Himmel oder diesen herrlichen Duft?", fragte sich Anne, als sie auf dem Weg zu ihrer Mutter den gepflegten Rasen überquerte. "Es ist fast wie früher in unserem Zuhause - das es längst nicht mehr gibt".

 

Als Anne den Rollstuhl erreicht hatte, legte sie der Frau sanft die Hand auf die Schulter. "Hallo Mutter ich bin´s", sagte sie und wusste genau, dass ihre Mutter nicht reagieren würde. Nicht auf sie, nicht auf das Geräusch des Flugzeugs und nicht auf den Duft der Rosen. Einfach auf gar nichts. Trotzdem sprach sie weiter. "Weißt du noch: zu Hause in unserem großen Garten? Wir hatten die gleichen Rosen. Du mochtest sie so sehr, dass sie überall im Garten angepflanzt werden mussten. Sogar Bowle hast du daraus gemacht."

 

Für einen Moment hielt Anne die Erinnerung fest, dann nahm sie auf einem der Gartenstühle, die den Besuchern zur Verfügung standen, Platz. "Jahrelang war ich wütend auf dich. Ich habe nie verstanden, warum du das alles gemacht hast. All das Unglück und das Leid." Sie holte tief Luft und fuhr dann leise fort: "Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Ich weiß jetzt, was wirklich passiert ist. Es war nicht deine Schuld."

 

Vielleicht war es ein Zufall, vielleicht auch nicht, doch seit dem panischen Anruf ihres Vaters waren am heutigen Dienstag genau fünf Jahre vergangen. Hals über Kopf hatte sie damals alles stehen und liegen lassen und war in höchster Sorge zu ihm in die Villa geeilt. Ihre Mutter war spurlos verschwunden. Und ihr Elternhaus hatte sie nicht wieder erkannt: es war, als wäre es über Nacht vollständig geplündert und ausgeräumt worden und anstelle all der wertvollen Antiquitäten und lieb gewordenen Möbel und Einrichtungsgegenstände war billiger und wertloser Plunder getreten. Niemand hatte sich damals einen Reim auf das Ganze machen können. Ihr Vater war nie mehr über diesen Schock hinweg

 

gekommen. Erst jetzt, da sie die ganze Geschichte endlich kannte, wusste Anne: heute vor fünf Jahren hatte die Vernichtung begonnen.

 

Sie spürte, dass ihr die Tränen kamen. Mit einer unwilligen Geste wischte sie sie beiseite und legte ihre Hand auf die ihrer Mutter. Gegen die aufkommende Bitterkeit gab es wohl kein Mittel. Selbst die schönsten Erinnerungen an eine glücklichere Zeit schmerzten durch das, was seit dem 28. Juli 2004 geschehen war.

 

© Zander-Schneider, 2010

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